Accra

Ich sitze im Taxi auf dem Weg nach Hause. Mein Blick schweift nach rechts. Der graue Asphalt der Straße ist kaum mehr sichtbar, bedeckt ist der Boden mit festgefahrenen Plastiktüten, Verpackungsmaterial und Abfall biologischer Herkunft. Die Basisnote der Luft, der beißende Geruch von Abgasen und verbranntem Müll, vermischt sich mit dem Geruch von stehendem, durch Müll am Fließen gehindertem Gewässer und der Kopfnote von seltsamen Lebensmitteln.

Wir fahren westlich der Korle Lagoon entlang. In der Ferne sehe ich eine Art Mülldeponie und erkenne es ist jene aus der Dokumentation eines deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammes über den Elektroschrott Europas der nach Ghana verschifft und mehr oder minder aufbereitet und dann letztendlich „entsorgt“ wird. Das Atmen fällt mir schwer, ich muss die Augen zusammenkneifen, der Himmel ist verdunkelt von den Rauchschwaden überall brennender Feuer. Zwischen Müll und Feuer unendlich viele Hütten. Die Slums von Accra. Jede Hütte kaum größer als ein kleiner Geräteschuppen deutscher Gärten. Ich werde in meinen Gedanken unterbrochen, neben dem Autofenster taucht ein Junge, kaum 16 Jahre alt, auf. Er trägt 6 Yam-Wurzeln und will mir eine verkaufen. Ich weiß damit aber nichts anzufangen, auch wenn Yam-Balls sehr lecker sind, so hab ich doch keine Ahnung wie sie gemacht werden. Ich schüttele stumm den Kopf, er versteht und trägt seine Wurzeln weiter. Ich blicke wieder Richtung der Lagune und sehe eine Herde abgemagerter Rinder. Noch ein Grund sich hier vegetarisch zu ernähren: Hühner, Ziegen und Kühe fressen das einzige was es reichlich gibt in Accra: Dreck.

Ich denke an die Aufgabe die Nana, Creative Director von brands&products, mir gestellt hat: finde die schönen Seiten Ghanas und entwickle ein Konzept wie man Ghana in Europa vermarkten könnte. Accra darf in einem solchen Konzept nicht auftauchen. Accra ist einfach nicht schön.

Accra wurde im 15. Jahrhundert von den Ga gegründet. Die Ga sind eine von 118 ghanaischen Ethnien und heißen in irgendeiner der unzähligen Landessprachen Accra und so lag es scheinbar nahe, die Siedlung auch einfach Accra zu taufen. Im 16. Jahrhundert kamen dann Europäer vorbei und erfreuten sich an den handelsfreudigen Ga und begannen sich um die Stadt zu streiten. Da waren Dänen, Schweden, Niederländer und Engländer: jeder baute sich eine Burg und die Ga freuten sich, stiegen sie doch in der Stand der Händler auf und weil sie Mittelsmänner zwischen den Völkern im Norden und den Europäern waren wurden sie von den Europäern vor Angreifern beschützt.

Anfang des 19. Jahrhunderts gab es daher einen britischen, einen niederländischen und einen dänischen Stadtteil Accras und darin liegt begründet, dass es in Accra heute kein schönes Stadtzentrum oder eine historische Altstadt gibt. Die ganze Stadt besteht aus Wohnhütten und dazwischen wird gehandelt, gekocht, Wäsche gewaschen, uriniert, Müll verbrannt und Kinder groß gezogen. Es gibt drei ansehnliche Bauwerke, die aber inmitten der Umgebung völlig deplatziert wirken: den Independence Arch, das Nationaltheater und das Stadion. Ein paar Stahlbetongebäude gibt es noch, vereinzelt über die Stadt verteilt.

Nein, Accra ist wirklich nicht schön und auch die Freundlichkeit der meisten Ghanaer kann darüber nicht hinwegtäuschen.

„Finde die schönen Seiten Ghanas“ klingt es in meinen Ohren. Ich runzle die Stirn und werfe einen letzten Blick auf die Korle Lagoon bevor wir nach Lartebiokorshie abbiegen, dem Stadtteil in dem wir wohnen und in dem die wohlhabende Mittelschicht Accras zu Hause ist. Am Wochenende fahren wir nach Ada Foah, einem kleinem Paradies im Osten Ghanas mit Karibik Flair. Touristisch, aber eine willkommene Abwechslung zu Accra. Die Schönheit Ghanas liegt im Land: in den Bergen, der Savanne, den Küsten und dem Regenwald. Das alles gilt es auf einer 2-wöchigen Rundreise Ende September zu erkunden und dann, so hoffe ich, kann ich Nana, der schon in Paris und London war, sagen wo es in Ghana, aus der Sicht einer Europäerin, schön ist.

4 Gedanken zu “Accra

  1. sbwe schreibt:

    dieser Müll, schwer vorstellbar für uns und wir shippern unseren elektronikschrott auch noch dahin. Hier sieht man was Verträge wert sind – Deutschland hat die Basler Konvention unterschrieben.

  2. dori schreibt:

    hey! dachte ja zwischendurch, das Essen hat dich dahingestreckt… 😉 wie ist das Leben so? Wie das Wohnen? Kocht ihr abends zusammen? Kocht ihr mal was afrikanisches? Gibts einen Fernseher? Hast du ein Einzelzimmer? Und ist der Himmel immer so gelb gefärbt von den Feuern und dem Dreck??
    Grüße aus Jena!

  3. Silvia schreibt:

    Ciao Ramona,
    alles klar? Ich hoffe, es geht dir gut. Deine Berichte sind immer so interessant und die Bilder sehr gelungen. Gerade weil Accra nicht dem europäischen Bild entspricht, finde ich es absolut aufregend, was du berichtest. Darin liegt auch ein gewisser Reiz, nicht nur in den „schönen“ Seiten Ghanas.
    Pass auf dich auf und genieße die Zeit dort auch ein bißchen!

  4. Micha schreibt:

    Hi Moni,

    ich freue mich, dass es dir gut geht.
    Auch wenn das nur ein kleiner Teil der Welt ist, sieh in dir mit wachen Augen an. Ich finde es jedenfalls schon schlimm, wohin auch wir die Menschen dort und anderswo getrieben haben. Und trotzdem sind sie stolz. Warum auch nicht. Und das ist auch gut so.
    Wir waren heute bei Oma und Opa und haben deine Berichte ausgewertet. Du kannst ja sooo gut schreiben!!! Opa will noch eine Liste machen, was er noch so alles wissen will.
    Bis dahin. Halt die Ohren steif und laß es dir gut gehen.

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