Arbeiten in Ghana

Nachdem ich anfangs geschockt war über die scheinbare Ähnlichkeit von b&p zu einer deutschen Agentur, so haben sich in den letzten 4 Wochen doch einige Unterschiede aufgetan, die, so scheint es mir, „typisch ghanaisch“ sind.

Und all die folgenden Unterschiede lassen sich letztendlich unter dem Begriff der Ineffizienz, zumindest aus deutscher Sicht, zusammen fassen.

Bei b&p läuft alles sehr unstrukturiert und planlos ab. Während man in Deutschland zu Beginn eines Auftrages erst mal ein Auftaktmeeting hat, so wird hier einfach mal angefangen irgendwas zu tun. Brainstormings, wenn man sie so nennen will, finden nicht etwa in kleiner Runde in einem separaten Raum mit festgelegtem Zeitrahmen statt, sondern erstrecken sich über Tage bis Wochen während nebenbei Handys klingeln, andere schlafen und lautstark der Fernseher läuft. Unser männlicher Mitbewohner, der hier in der Nähe bei einer anderen Agentur arbeitet, berichtet von einem ähnlich „hohem“ Effizienzniveau.

Stichwort Schlafen: b&p hat natürlich Internetzugang. Den braucht man hier zum arbeiten zwar so gut wie nie, aber wenn das Internet mal für mehrere Stunden oder Tage ausfällt, dann wird die Arbeit komplett verweigert und auf Tischen und Boden geschlafen bis das Internet wieder da oder Feierabend ist.

Bei b&p gibt es auch mindestens zwei Fernseher. Aber Nachrichten scheinen die Ghanaer zu langweilen und so laufen den ganzen Tag lautstark Soaps und Talk Shows. Ganz hoch im Kurs stehen auch „American’s next top model“ und die „Champions League“ (ich glaube als Wiederholung, aber was weiß ich schon von Fußball).

Es fällt den Ghanaern schwer sich mehr als 15 Minuten auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Den ganzen Tag läuft facebook und twitter im Hintergrund oder es wird über zweifelhaft komische Youtube Videos gelacht. Ständig klingelt ein Handy, es gibt immer jemanden an den man eine SMS schreiben kann, man kann singen oder tanzen oder man unterhält sich einfach lautstark. Man kann also eigentlich nicht sagen, dass die Ghanaer den ganzen Tag nichts tun, es hat nur selten etwas mit ihrer Arbeit zu tun. Ähnliches hört man auch aus den sozialen Projekten, nur dass dort seitens der Lehrer mangels Internet einfach meistens geschlafen statt unterrichtet wird. Wahrscheinlich können auch deswegen 17-Jährige nicht mal „Punkt vor Strich“-Rechnung.

Und dann gibt es zwei Mitarbeiter bei b&p, die habe ich in den letzten vier Wochen nicht einmal arbeiten sehen. Ich weiß nicht was deren Aufgabe in der Agentur ist, ob sie einfach nur so da sind weil es schön kalt ist und Internet und Fernsehen hat, oder ob sie tatsächlich einen Job hier haben und Geld dafür bekommen. Einer sitzt immer im Empfangsbereich und schaut den ganzen Tag Soaps, der andere sitzt bei uns im Büro und ist von daher entweder Grafiker oder Marketingfachkraft, aber eigentlich schaut er sich den ganzen Tag immer nur facebook und youtube an und isst oder schläft.

Und zwischen all den schwer beschäftigten Menschen sitze also ich. Ich habe ja vor vier Wochen drei Aufgaben bekommen. Meine Präsentationen über das Oktoberfest und den deutschen Agenturalltag sind längst fertig, aber scheinbar war ich gut sechs Wochen zu schnell, denn wirklich interessiert hat sich bislang keiner dafür. Bleibt noch meine dritte Aufgabe „Finde die schönen Seiten Ghanas und entwickle ein Konzept, wie man Ghana in Europa vermarkten könnte.“ Ich arbeite mittlerweile intensiv am „Finden der schönen Seiten Ghanas“, was im Großen und Ganzen bedeutet, dass ich Reisen und Ausflüge plane und dann eben letztendlich auch antrete. Ob daraus am Ende wirklich ein Konzept wird steht in den Sternen, aber ich glaube das ist auch jedem hier, inklusive mir mittlerweile, ziemlich egal. Ansonsten verfolge ich meine vierte Aufgabe: dem Schreiben von Artikeln. Und wenn das Internet mal wieder ausgefallen ist, dann schlafe ich nicht, sondern spiele immerhin Majong um dem geistigen Verfall wenigstens etwas entgegen zu wirken.

5 Gedanken zu “Arbeiten in Ghana

  1. Detlef schreibt:

    Hallo Ramona,
    interessante Geschichten,treffend beobachtet,die Fakten unterhaltsam aufbereitet und mit Foto`s aus dem Leben hinterlegt.
    Genial!
    Deine Geschichten haben das Potential zur Fortsetzung und sind es wert als Reisetagebuch verlegt zu werden.
    Lass es Dir gut gehen.
    Viele Grüsse in die Ferne
    Brigitte und Detlef

  2. Steffi schreibt:

    Produktiv arbeiten ist etwas anderes. Aber warum auch nicht unter dem Deckmantel „Arbeit“ Ghana entdecken und reisen. Zumindest kannst du danach sagen, dass du die Zeit effizient genutzt hast, im Gegenteil zu manch Anderen… oO

  3. Silvia schreibt:

    Oh, das hat große Ähnlichkeit mit meinem Arbeitsleben in einer Kultureinrichtung in Italien: Facebook und Youtube laufen lautstark im Hintergrund, ständige Pausen, private Telefonate, max. 6 Stunden Arbeit, keine Struktur, keiner spricht miteinander über seine Projekte etc.
    Ich kann Deinen Kulturschock nachfühlen!

    Weiterhin alles Gute! Forza!

  4. sbwe schreibt:

    na ja , könnte auch mal ab zu einen ghanaischen Arbeitstag gebrauchen -als Kontrastprogramm zu unserem Arbeitsalltag. Wieviel Punkte hast du denn schon bei Mahjong erreicht?

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