Die Mona-Monkeys

Es ist noch früh am Morgen als wir uns das letzte Mal durch die engen, staubigen und dreckigen Gassen Lartebiokorshies auf den Weg zu einem Tro Tro machen. Der Boden ist staubig und nach einem Kilometer in der warmen Morgensonne sind wir bereits verschwitzt. Die Tema Station ist einer jener Busbahnhöfe in Accra von wo aus die Tro Tros in das ganze Land hinaus fahren. Wir treffen uns mit Charles, einem Kunsthandwerker, den wir im Art-Center Accras kennen gelernt haben. Charles will uns auf unserem letzten gemeinsamen Ausflug begleiten.

Die Reise führt uns in die Volta Region und es wird eine Reise der Superlative. Das Gebiet wird dominiert vom Voltastausee, dem größten von Menschen angelegten und nach dem Viktoriasee dem flächenmäßig größten Stausee der Erde. Mit seinem Volumen von 153 Milliarden Kubikmetern fasst der Voltastausee rund 710mal mehr Wasser als der größte Stausee Deutschlands: die Bleilochtalsperre. Ebenfalls in der Region zu finden ist die Akwapim-Togo Bergkette, welche mit Höhen von bis zu 900m die höchste Erhebung Ghanas darstellt. Die Landschaft nahe der Grenze zu Togo ist geprägt von Höhlen, Wasserfällen und Kalksteinfelsen. Unser Ziel sind die Wli-Agumatsa-Wasserfälle in der Nähe des kleinen Dörfchens Afegame, den höchsten und angeblich schönsten Wasserfällen in ganz Ghana. Und in Afegame gibt es, wer hätte es gedacht, den angeblich besten Palmwein Ghanas. Zumindest war Charles nach einem Glas für den Rest des Abends nicht mehr zu gebrauchen. Bevor wir aber in der wirklich schönen, von Deutschen geführten, Waterfall Lodge ankommen und uns am Abend die besten Spaghetti Bolognese seit 8 Wochen gönnen, fahren wir mit dem wohl kaputtesten Taxi über die staubigsten Straßen in ganz Ghana. Eigentlich stehen wir mehr, denn aus unerfindlichen Gründen geht alle 500 Meter der Motor aus.

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IMGP5585Auf dem Weg zu den Wasserfällen muss man nicht nur zwölf Mal den Agumatsa-Fluß inmitten des Waldes überqueren, sondern sich auch todesmutig mit riesigen, schwarzen Kampfameisen anlegen die den Weg zu tausenden versperren. Hat man sich den Widrigkeiten aber erfolgreich gestellt wird man mit einer bilderbuchgleichen Lichtung an der Grenze zu Togo belohnt. Ein kleiner See breitet sich unterhalb des Wasserfalls, umrahmt von dichtem, immergrünem Regenwald, aus. Und als die ersten Sonnenstrahlen des Tages über die Akwapim-Togo-Bergkette klettern und den Wasserfall mit seiner aufsteigenden Gischt in ein malerisches Licht tauchen sind wir von dem kleineren der beiden Wli-Wasserfälle mit seiner Höhe von immerhin 60 Metern durchaus beeindruckt. Der größere der beiden Wli-Wasserfälle ist angeblich fast 500 Meter hoch.

Der Wasserfall ist toll, keine Frage, aber das Beste kommt diesmal nicht nur sprichwörtlich zum Schluss:

Schon auf unserer „In God we trust“- Tour wenige Wochen zuvor begegnete ich ihnen und es war Liebe auf den ersten Blick: Mona Monkeys. Monameerkatzen sind in den Regenwäldern von Ghana bis Kamerun zu Hause. Edmund, unser Guide in Boabeng-Fima, beschrieb die Meerkatzen als freundlich und zutraulich und schon da war klar, dass wir uns bestens verstehen werden.
Wir fahren nach Tafi Atome zu einem Affenschutzgebiet in dem eine Mona-Meerkatzen-Familie zu Hause ist. Nach ein wenig Umherirren im Regenwald und dem Durchwaten unbekannter, trüber Gewässer finden wir sie. Schüchtern halten wir den Allesfressern gemäß dem Klischee Bananen entgegen, weniger schüchtern nähern sie sich uns und versuchen uns frech die Leckerei zu klauen. Dabei kommen sie uns ganz nahe bis einer von ihnen plötzlich auf meiner Schulter sitzt und gierig die halbe Banane ausschleckt.

Es waren diese zwei Momente zwischen den Monameerkatzen, in Boabeng-Fima und Tafi Atome, die mich Heimweh, den Dreck und die Menschenmassen in Accra und Kumasi vergessen ließen. Diese Momente tiefster Zufriedenheit und Glück an dem Leben der Affen ein zweites Mal teilhaben zu können war der krönende Abschluss einer abenteuerlichen und aufregenden Zeit.

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57 Tage sind nun vergangen. Ich habe 7 der 10 Regionen Ghanas bereist und bin tief in die ghanaische Kultur eingetaucht. Ich weiß nun, dass man auch ohne westlichen Luxus wirklich sehr gut leben kann. Ich kann meine Wäsche mit den Händen in muffelndem Wasser halbwegs vom ghanaischen Dreck befreien, kann auf eine Toilettenspülung verzichten, mich dauerhaft von Reis ernähren, kann Malaria überleben und kann Müll und Gestank dauerhaft ignorieren.
Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch, dass man mit ein wenig Gelassenheit, Toleranz und vielleicht auch Ignoranz unter den widrigsten Umständen eine glückliche Zeit verbringen kann. Es ist erstaunlich wie sehr wir uns daheim mit Kleinigkeiten unter Druck setzen nur um irgendwelchen gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen. In Ghana musste man vor allem die Eitelkeit schnell ablegen: „frisch geduscht“ war eher eine Redewendung, denn mit dem bei 30°C im Tank gelagerten, leicht muffigem Wasser kann von frisch sicher nicht die Rede sein. Und selbst wenn man mit einem Deodorant das Sauberkeitsgefühl imitieren kann, ist auch dieses nach einer Fahrt in einem mit Menschen überfülltem Tro Tro schnell verflogen. Meister-Propper-rein-weiße Kleidung? Unmöglich und es ist auch egal. Hauptsache sie riecht nach dem Waschen dank Waschmittel wenigstens kurze Zeit so als ob sie sauber wäre.
Erfrischend hingegen war der aufgeschlossene und freundliche Umgang der Ghanaer mit Ausländern. Egal wo man hinkommt: man wird freundlich begrüßt und jeder Ghanaer kann zumindest einige Fragen auf Englisch die auch so lange hartnäckig gestellt werden, bis man sie mehr oder weniger ausführlich beantwortet hat. Man interessiert sich für den Ausländer, fragt wie es ihm geht, fragt woher er kommt, wie lange er bleibt, wohin er als nächstes will und wie es ihm in Ghana gefällt.

Es war eine tolle Zeit in einem wunderschönen Land mit beeindruckender Landschaft, aufgeschlossenen Menschen und natürlich mit Mona-Monkeys.

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