Prag – von Kafka, Paris und doppelten Hausnummern Über den Plan zur Vermeidung von Touristenmassen

„Prag läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder -. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen. Vielleicht überlegst Du es Dir bis zum Karneval.“

Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak, 1902

 

Ja, Prag hat wirklich seine schönen Seiten – aber auch, so wie in jeder Großstadt, seine häßlichen Seiten. Man sieht verhältnismäßig viel Armut in den touristischen Zentren und in den Randbezirken auch viel Zerfall. Und manchmal riecht es äußerst streng. Aber dennoch: das, was der klassische Tourist sich so ansieht, ist wirklich sehr schön.

Während in Teilen Deutschlands das Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi zelebriert wird, steigen wir ins Auto und fahren knapp 300 km gen Osten zur goldenen Stadt. Oder auch „Paris des Ostens“ genannt, aber dieser Titel ist nicht ganz so einzigartig, denn den geben sich ein paar andere Städte auch noch: neben Prag zum Beispiel noch Budapest, Bukarest, Warschau, Odessa, Beirut, Tiflis (Georgien), Irkutsk (Sibirien), Ho-Chi-Minh-Stadt und Shanghai. Aber immerhin liegt Prag mit knapp 1.000 km am nächsten an Paris dran. Das ist quasi noch im Einzugsgebiet.

Petřín

Am westlichen Ufer der Moldau liegt der Berg Petřín. Auf dieser Erhebung, die eher ein Hügel denn ein Berg ist, steht der Grund, warum Prag auch ein Paris des Ostens ist: der Petřín-Aussichtsturm. Und dieser entstand wohl – ganz unspektakulär – weil man auch gern einen Eiffelturm haben wollte. Und obwohl er nur 60 m hoch ist, hat man Dank des Hügels auf dem er steht, einen wunderbaren 360°-Ausblick über Prag.

Und weil Panorama-Fotos ansich ja schon immer toll sind – aber wesensbedingt immer recht wenig Details zu erkennen sind – gibt es bei Klick auf das Bild, eine größere, beschriftete Version. Und dann sieht man auch, von wo bis wo Kafka, aus Liebe zu Prag, diese Stadt am liebsten angezündet hätte, um sich von ihr zu befreien.

Panorama

Die Pražský hrad – Prager Burg liegt auf dem Berg Hradschin inmitten von Prag. Eigentlich soll es gar nicht der Berg sein, der Hradschin heißt, sondern die Stadt am Fuße der Burg, welche nach der Altstadt und der Kleinseite so um 1320 gegründet wurde. Die Prager Burg gilt als größtes geschlossenes Burgareal der Welt. Weithin sichtbar und sehr markant ist der Veitsdom inmitten der Burganlage, welcher die Kathedrale des Erzbistums Prag und das größte Kirchengebäude Tschechiens ist.

Pražský hrad

Wir verzichteten bewusst auf einen direkten Besuch bei der Prager Burg – auf die zu erwartenden Touristenmassen hatten wir keine Lust. Was wir uns aber nicht nehmen ließen, war die Burg zu fotografieren: von Vyšehrad, Petřín, dem Valdštejnský palác (Palais Wallenstein) und natürlich immer wieder zwischendrin, wann immer sie im Blickfeld auftauchte.

Wir wechseln auf die andere Seite der Moldau. Natürlich, dem Plan der Vermeidung von Touristenmassen folgend, nicht über die Karlův most – Karlsbrücke, sondern über die nächstgelegene Mánesův most, von der aus man einen guten Blick auf die Karlsbrücke hat. Beide Brücken verbinden die Prager Kleinseite mit der Altstadt, jedoch ist nur die Karlsbrücke historisch bedeutsam, da sie die älteste erhaltene Brücke über die Moldau und eine der ältesten Steinbrücken Europas ist. Die Brücke liegt darüber hinaus auf dem Krönungsweg der bömischen Könige. Ganz interessant sind die verwendeten Baumaterialien der Karlsbrücke. Steine sind ja soweit erst mal recht unspektakulär. Interessanter ist die Zusammensetzung des Mörtels: der bestand unter anderem aus Eiern, Quark und Wein. Dazu gibt es eine Legende: um Bauten, die extremen Belastungen ausgesetzt waren, haltbarerer zu machen, mischte man unter den Mörtel Eier. Für die Karlsbrücke waren mehrere tausend Eier notwendig, die man aus allen Regionen des Landes anforderte. Als wahre Schildbürger entpuppten sich dabei die Bewohner Velvarys, einer kleinen Stadt nordwestlich von Prag: Sie schickten ihre Eier hart gekocht.

Karlsbrücke

Wir stürzen uns doch noch in ein typisch touristisches Gebiet – den Staroměstské náměstí – den Altstädter Ring. War aber gar nicht so schlimm wie erwartet, vermutlich, weil wir doch recht spät dran waren und es ganz leicht zu regnen anfing. Man besucht den Altstädter Ring wegen des historischen Rathauses, der Kirchen und vieler anderer Gebäude.

Hier versammeln sich aber auch Straßenkünstler und vor allem kann man hier in so ziemlich jedes Gefährt einsteigen, welches in Prag Stadtrundfahrten anbietet: vom Oldtimer über die Hummer-Strech-Limousine, der Pferdekutsche, dem Segway und Hop-On-Hop-Off-Bussen in allen Größen. Wir steigen nirgendwo ein und beobachten einfach nur eine Weile die Menschen um uns herum, bis der Hunger sich meldet und wir uns wieder langsam auf den Weg Richtung Hotel und einem Restaurant machen. Im Gehen sehen wir noch ein durchaus amüsantes Bild: wenn sich zur vollen Stunde die Zeiger der astronomischen Uhr bewegen, strömen die Menschenmassen vor das Rathaus und schauen gebannt nach oben.

Altstädter Ring

Auf unserem Weg durch die Stadt fällt uns auf, dass an allen Hauseingängen zwei Hausnummern angebracht sind. Das hatte auch ganz am Anfang unseres Ausfluges bei der Eingabe der Adresse zum überwachten Parkplatz in das Navi für ein wenig Verwirrung gesorgt – beim Navi und bei uns ;-). Im Hotel angekommen, haben wir kurz recherchiert:

Die rote Hausnummer wurde zur Zeit der Habsburgermonarchie angebracht und zwar in der Reihenfolge, in der die Häuser erbaut wurden. Mit dieser sogenannten Konskriptionsnummer hatte man sich ein Rekrutierungssystem geschaffen, um schneller auf die dienstfähigen Männer zugreifen zu können. Irgendwann wurde das aber ziemlich unpraktisch, denn mit diesem System können sich in einer Straße wild durcheinander gewürfelte Hausnummern befinden, da die Häuser einer Straße ja zu unterschiedlichen Zeiten gebaut wurden. Also hat man später nachträglich noch die bekannte aufsteigende Orientierungsnummer der Häuser je Straße angebracht. Aber auch heute noch werden neue Konskriptionsnummern vergeben.

Hausnummern

Übernachtet haben wir übrigens im Designhotel Pure White. Es ist recht zentral gelegen und lauffreudige Menschen können alles mehr oder weniger schnell zu Fuß erreichen. Für alle anderen gibt es ein gut ausgebautes Straßen- und U-Bahn-System, welches einen überall schnell hingelangen lässt. Das Hotel selber ist natürlich, wie man es von einem Designhotel erwartet, sehr chic, auch wenn es deutlich den alten Zwist zwischen Design und Funktionalität belegt: das Badezimmer ist umgeben von Milchglasscheiben – na, wer kann den Funktionalitätsnachteil erraten?

Gegessen haben wir am ersten Abend in einer, wie mir scheint, richtig typischen tschechischen Kneipe. Es gab klassische Hausmannskost ohne viel Schnickschnack und hat wirklich gut geschmeckt. Am zweiten Abend versuchten wir uns an einer Empfehlung, welche wir auf einem Bewertungsportal gefunden hatten. Nach einem gelungenen Auftakt mit einer wirklich köstlichen Vorspeise, kam ein starker Qualitätsverlust zum Hauptgang: die Beilagen vergessen, das Filet backstein-zäh  und die Nudeln so extrem versalzen, dass sie quasi ungenießbar waren. Gelernt: auch auf die Empfehlungen solcher Portale kann man sich nicht immer verlassen. Lieber mit offenen Augen und einem gesunden Bauchgefühl durch die Straßen gehen und dort einkehren, wo man sich auf Anhieb wohl fühlt.

Jetzt, wo wir wieder zu Hause sind, finde ich auf einmal immer mehr tschechische Musik. Diesmal sogar mit Empfehlungs-Charakter: Divokej Bill. Das ist eine tschechische Folkrockband, welche irgendwann in irgendeinem tschechischen Ranking mal als Beste tschechische Band ausgezeichnet wurde. Einfach mal hier und hier reinhören. Kann einem taugen – muss aber natürlich nicht :)!

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