Das ist keine Kunst! Über Entschleunigung und Achtsamkeit.

 

„Warum sollte man also den Begriff »Kunst« den freien Kompositionen der Experimentalfotografen vorbehalten, die in gewisser Hinsicht außerhalb des Gebiets der eigentlichen Fotografie liegen? Damit läuft man nur Gefahr, die Aufmerksamkeit von den wirklich charakteristischen Merkmalen des Mediums abzulenken. Vielleicht wäre es fruchtbarer, den Begriff »Kunst« so lose zu anzuwenden, daß er, wenn auch unzulänglich, die aus wahrhaft fotografischem Geiste entstandenen Leistungen umfaßt – das heißt, Bilder, die weder Kunstwerke im traditionellen Sinn noch ästhetisch neutrale Erzeugnisse sind. Um der Sensibilität willen, die in sie eingeht, und der Schönheit wegen, die sie ausstrahlen mögen, wäre manches zugunsten eines solchen erweiterten Sprachgebrauchs zu sagen.“

aus: Sigfried Kracauer: „Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit“, 1964

Im Sommer war ich zum zweiten Mal für zwei Wochen in Dresden zur 17. Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst. Dieses Event, organisiert vom riesa efau. Kultur Forum Dresden, ist eine Plattform der Begegnungen zwischen internationalen und nationalen Künstlern, Nachwuchskünstlern und künstlerischen Hobbyisten.

Im Studium habe ich mich lange damit beschäftigt, wann Fotografie Kunst ist. Denn dadurch, dass eine Kamera erst einmal weitesgehend das abbildet, was halt da ist und der Fotograf in erster Linie nur ein Knöpfchen drückt – und nicht wie ein Maler, der mit seinen Händen, einem Pinsel und der Kraft der Imagination ein Werk erschafft – wurde der Fotografie jeglicher künstlerischer Wert abgesprochen. Als Hilfskraft der Wissenschaft wurde sie abfällig bezeichnet.

Nun hat sich diese Meinung in den letzten 100 Jahren natürlich verändert. Zum einen kann man die Kamera als Pinsel begreifen (Stichwort „Malen mit Licht“), zum anderen hat der Fotograf an vielen Stellen die Möglichkeit aktiv in das Ergebnis einzugreifen. Angefangen bei der Wahl des Ausschnittes, des Winkels, der Schärfe und Unschärfe über Eingriffe bei der Entwicklung eines Fotos – ganz gleich ob klassisch im Labor oder mittels elektronischer Bildbearbeitungsprogramme.

Wenn man also Kunst als etwas begreift, was durch die Kreativität und Schöpfungskraft eines Menschen entsteht und, bitte schön, möglichst weit davon entfernt ist die Realität – so wie sie ist – einfach abzubilden, dann kann Fotografie durchaus Kunst sein, nämlich dann, wenn man, wie Kracauer es nennt,  „Experimentalfotograf“ ist. Nur führt der Experimentalfotograf wiederrum das Medium Fotografie ad absurdum, weil er es nicht seines Wesens gemäß nutzt.

Und deswegen bin ich für das obige Zitat dankbar, denn aus einer engen Definition von Kunst, würden meine Bilder rausfallen – denn ich dokumentiere und zeige weitesgehend die Realität.  Aber Kracauer macht die Tür auch für jene auf, die mit einer gewissen Sensibilität die Schönheit der Realität abbilden und sie vielleicht auch noch durch manuelles Eingreifen verstärken oder zumindest so bearbeiten, dass sie eine ganz individuelle Realität ergeben. Und da wären wir doch wieder bei Phantasie.

Serie „Strukturen“


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In der ersten Woche nahm ich am Fotografiekurs „Die Welt der kleinen Dinge“ mit der Kursleiterin Eliška Bartek teil. Ich persönlich interpretierte das Thema so, dass ich Objekte fotografieren wollte, an denen wir entweder oftmals achtlos oder gar angewidert vorbei gehen oder deren Schönheit uns oft verborgen bleibt, da sie zu klein sind, um vom menschlichen Auge erfasst zu werden.

Die Serie „Strukturen“ entstand im Hinterhof der Motorenhalle des Kulturvereins und zeigt überwiegend Details von Europaletten. Gegenstände, die man benutzt und gebraucht, aber an denen man selten stehen bleibt und sie aus der Nähe betrachtet. Die kindliche Phantasie erweckt, können wir Drachen, Schluchten, Höhlen, Berge, Klippen und viel mehr entdecken.

Serie „Blumenkind“

Im Herzen ein Blumenkind. Während die anderen Teilnehmer des Workshops sich eine Ausstellung im japanischen Palais ansahen und dort fotografierten, saß ich im Innenhof und fotografierte Blümchen. Blumen sind Schönheit in Perfektion, sie sind friedlich, ruhig und gleichsam intensiv. Und wenn man sich die Zeit nimmt und in sie eintaucht, entdeckt man, dass manche Blumen Herzen in sich tragen.

Serie „Haltestelle Bahnhof Mitte“

Schnell zur Straßenbahn geeilt, schnell einkaufen, schnell nach Hause. Oder: schnell von einem touristischen Highlight zum Nächsten. Minutiös durchgeplant, nur nichts verpassen, um am Ende eine lange Liste abhaken können.

Es geht auch anders, dafür muss man sich aber vom Diktat des erlebnisreichen und möglichst spektakulären Urlaubs befreien: Sich Zeit nehmen und die Augen öffnen für Dinge, an denen man sonst vorbei hastet. Tief durchatmen. Keine Uhr, kein Stress. Bewusstes Wahrnehmen und Achtsamkeit.

Serie „Straßenleben“

Gegenüber vom Kulturverein steht (noch) eine Häuserruine. Das Grundstück liegt brach, ist verwildert und eingezäunt. Der Eingang zum Haus ist zugemauert. Der Putz bröckelt ab und Löwenzahn bahnt sich seinen Weg durch den grauen Beton. Man meint, hier hätte schon lange niemand mehr gelebt. Und dennoch gab es jeden Tag Spuren von Leben. Auch wenn man nie einen Menschen dort gesehen hat, so wusste man, dass am Abend zuvor dort Menschen ihre Zeit verbacht haben – dort gelebt haben. Leere Schnapsflaschen, Glasscherben und Zigaretten berichteten am nächsten Tag davon.

Man könnte achtlos daran vorbei gehen. Man könnte die Spuren beachten und sich ärgern, dass die Stadt Dresden nicht für mehr Ordnung sorgt. Man kann die Spuren auch beachten, inne halten und sich fragen, von was für einem Leben sie erzählen. Und man könnte selbst etwas hinterlassen, was dem Fremden am Abend eine Geschichte erzählt.

Die Welt besteht aus unendlich vielen kleinen Dingen. Man sollte sich öfter die Zeit nehmen und einfach mal stehen bleiben. Sich zwei Stunden auf eine Bank setzen und staunen, wieviele Details sich mit der Zeit im Blickfeld offenbaren, die sonst verborgen geblieben wären. Einen Ort öfter besuchen und nach kleinsten Veränderungen ausschau halten. Die Phantasie spielen lassen: Drachen und Herzen entdecken und sich fragen, welche Geschichte hinter einer Hinterlassenschaft stecken könnte.

Links und ein Video

Video by Lobofilm aus Leipzig.

Ein Gedanke zu “Das ist keine Kunst! Über Entschleunigung und Achtsamkeit.

  1. Stephan Ziehl via Facebook schreibt:

    Allein der Ausschnitt in gelb von der dvb, richtig gut. Und wie ich immer sage: es wirkt erst in einer Serie, und davon hast du sehr schöne abgelichtet. An-die-wand Material!

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