Diabat ...und Ziegen die auf Bäumen stehen.

Wir hatten ganz vergessen nach dem Namen unseres Fahrers zu fragen. Er war jung, vielleicht 23 oder 24 Jahre alt. Und er war unerwartet pünktlich.

Drei Stunden sollte die Fahrt nach Essaouira, einer Küstenstadt Marokkos, dauern. Wir wünschten uns, dass wir nicht den Standard-Touri-Stop bei einer Argan-Öl-Produktion mit anschließendem Verkauf machen, sondern wir fanden in einem veralteten Reiseführer einen Geheimtip für Individualreisende: die vom Sand verwehte Ruine des Palastes von Sultan Mohammed Ben Abdallah.

Unsere Fahrt führt vorbei an Mauern aus Kakteen, Olivenbaumhainen, Straßenverkaufsständen und natürlich vielen Schafen und Ziegen. Und auf einmal waren wir mitten drin in einer Nebelbank. Die Natur veränderte sich stetig. Zwischen rotbrauner und ockerfarbener Erde mit kargen Pflanzen bishin zu saftigen grünen Wiesen.

Plötzlich waren sie da. Wir fuhren an Argan-Bäumen vorbei und in einem davon sahen wir Tiere. Mein erster Gedanke war „Was für eine abgefahrene Kunst-Installation!“ und ich fragte den Fahrer auch „Sind die noch am Leben oder sind die tot?“. So ganz verstand er nicht was die aufgedrehte europäische Frau von ihm will und so entschloss er sich am nächsten Baum anzuhalten.

Tatsächlich. Lebendige Ziegen auf Argan-Bäumen. Der Fahrer erklärt: Die Ziegen lieben die Argannüsse und wenn der Baum günstig und nicht zu hoch gewachsen ist, dann klettern sie darauf, um den ganzen lieben langen Tag Argan-Nüsse zu fressen. Verrückt.

Wir bleiben eine Weile und fahren später mit dem Gedanken „Jetzt haben wir wirklich alles gesehen.“ weiter.

Die Ruine müssen wir ein bisschen suchen. Unser Fahrer war noch nie in Diabat, einem kleinen Dorf etwa 5 km vor Essaouira, und der Weg zur Ruine führt, verwirrender Weise, an abartig noblen Golf-und-Spa-Hotels vorbei. Diabat soll Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre eine kleine Hippiekommune gewesen sein und angeblich soll auch Jimi Hendrix hier verweilt haben und mit Blick auf die Ruine „Castles made of sand“ geschrieben haben. Das behaupten zumindest einige Reiseführer und der Inhaber des örtlichen Jimi Hendrix Cafés. Andere wiederum bestreiten Hendrix Anwesenheit und vorallem den Zusammenhang mit dem Song.

Das ist uns allerdings auch ziemlich egal. Wir wandern durch Sanddünen zur Ruine. Ein nahezu völlig untouristischer Ort. Fragmente der Vergangenheit sind nicht in Vitrinen hinter Glas, sondern lassen sich bei jedem Schritt im Sand finden. Kein Absperrband, kein Eintritt. Man klettert über die verfallenen Mauern um ins Innere der Ruine zu gelangen. Der Palast ist fast gänzlich im Sand versunken. Sultan Mohammed Ben Abdallah, der Gründer der Stadt Essaouira, errichtete sich hier, mit Blick auf den Atlantik, im späten 18. Jahrhundert eine Sommerresidenz.

Wohin man auch blickt findet man Spuren eines scheinbar ehemals prachtvollen Palastes. Ton, Steine, Scherben. Überreste von bunten Mosaiken. Wir setzen uns in ein Fenster und genießen den Ausblick auf das Meer und die Stille, bevor wir zurück gehen und die Fahrt nach Essaouira fortsetzen.

Ein Gedanke zu “Diabat ...und Ziegen die auf Bäumen stehen.

  1. Stephan Ziehl via Facebook schreibt:

    …und wenn das nächste Mal ein Bodentier auf einem Baum steht, dann nimmt man das ganz normal hin. Ich glaube, als AchtjährigeR hätte man das gar nicht erst hinterfragt.

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