Bist du ein Bayer? Die zukunftsweisende Aussagekraft eines Klafters

Nach vier Stunden im Zug und 30 Minuten Aufstieg mit irgendwas zwischen einem halben und einem ganzen Zentner Gepäck zum hildgardschen Bio-Kurhotel, war ich immer noch voller Energie. Also gar nicht erst faul ausstrecken, gleich aufwärmen. Wenn sich der Sturm auf den Gipfeln übermorgen verzogen hat, will ich immerhin gipfelstürmerisch tätig sein.

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In Bad Kohlgrub gibts nicht viel. Auch hier geht der ländliche Verfall nicht vorrüber – Schilder mit „Ausverkauf“ und „geschlossen“ zeugen davon. Aber es gibt eben jenes hildegardsche Bio-Kurhotel und einige Wanderwege, deren Bewältigung auch dem untrainierten, dafür umso ehrgeizigeren, Hobbyisten zugänglich sind.

Zum Aufwärmen also ein Themenweg-Mix aus Köhlerweg, Timberland Trail und Mythenweg. Solche Themenwege können ja immer recht lehrreich sein, wenn man denn die Schilder ließt, was ich meistens nicht mache.

Aber eines, das habe ich dann doch einmal gelesen. Da ging es um ein Klafter und die Frage, ob man denn wirklich ein Bayer ist. Verunsichertes, nervöses Umsehen. Ich und ein Bayer? Im Leben nicht! Ich bin quasi nur ausversehen vor zehn Jahren hier gelandet. Schnell in 14 Semestern das angeblich duffte bayrische Bildungssystem nutznießen und dann den Einheimischen einen Arbeitsplatz wegschnappen. Derweil ein bisschen guten Einfluss auf die lokalen Wahlergebnisse nehmen. Innerdeutscher Wirtschaftsflüchtling. Übrigens mit deutlichem Integrationsunwillen. Es heißt immer noch wechselnd Hi, Hallo oder Guten Tag und nicht Grüß Gott. Es heißt immer noch Brötchen und nicht Semmel. Und um alles in der Welt: es heißt Klops und nicht Fleischkuchen (Fleischküchle). Und wenn ich sogar mal lokalpatriotisch unterwegs bin, dann heißt es Broiler und nicht Brathändl. Ansonsten ist es „eins von denen da“.

Das Klafter, wem dies nun auch kein Begriff ist, weil er eine Bildung anderer Bundesländer genoss, ist ein veraltetes Längen- bzw. Flächenmaß. Es beschreibt den Abstand zwischen den Fingerspitzen eines Mannes mit seitlich ausgestreckten Armen. In Bayern waren das etwa 175 cm lt. dem bildungswertvollen Schild am Trail. In Preußen doch direkt mal 180 cm und in Hessen 200 cm (lt. Wiki sogar 250 cm). Das bestätigt im übrigen auch die kleine private statistische Datenerhebung vor mehr als einem Jahrzehnt, dass Bayern irgendwie klein sind.

Guckt jemand zu? Sieht mich jemand? Schnell mal die Arme ausgebreitet.

Pfu, Gott sei Dank! A Hesse ists geworden! Ein Klafter als Orakel. Denn nur einen Tag später sollte die langersehnte frohe Botschaft kommen, dass aus dem Exil-Bayer ein Wahl-Hesse werden kann! Eine der besten Nachrichten in den letzten zwei Jahren. Eine Nachricht, die mich quietschend durch die Voralpen hüpfen ließ. Dazu aber später irgendwann mehr.

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Ein Gedanke zu “Bist du ein Bayer? Die zukunftsweisende Aussagekraft eines Klafters

  1. uli schreibt:

    Ich bin ja nur von der Stadt in ein 20-km-entferntes Dorf gezogen und selbst hier sind die Sprachbarrieren – wie soll ich sagen – puh. In den Anfängen meinte mal die Nachbarin (89), dass ja mein Mann und sein Bruder so greil sind. Drei mal darf man raten, was ich verstanden habe… (gReil bedeutet so viel wie „ziemlich nett“)… nun gut, irgendwie bekomm ich aber nicht mehr das Bild der alten lüsternen Frau aus dem Kopf.

    Und tolle Fotos hast du gemacht ;-), lg Uli

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