Kurzgeschichte über Seeohren DIY "Anleitung" abalone Spielbrett

Ich weiß nicht, ob ich es hier schon mal irgendwo erwähnt habe, aber ich bin ein ausgesprochen großer Freund von Kurzgeschichten bzw. Novellen. Dramen sind auch ok, solange sie nicht drölftausend Akte haben, sondern in annehmbarer Zeit zum Punkt kommen. Parallelgeschichten, deren Handlungsstränge sich dann mal irgendwann im Laufe von 3.000 Seiten je Triologie-Teil ineinander flechten, sind mir zuwider. Elend lange Detailbeschreibungen auch. Kurz und knackig, schnell auf den Punkt kommen, am liebsten in Reclamheftchen-Umfang – das ist meine Welt.

Im krassen Gegensatz zu meinen Lektürevorlieben, steht mein Schreibverhalten. Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Randbemerkung zur Verdeutlichung des Sachverhaltes: Eine typische Magisterarbeit umfasst so 80-100 Seiten. Meine hatte 170. Ohja! Und um das aktuelle DIY-Projekt zu erklären, bedarf es leider einiger Parallelgeschichten, die auch munter auf der Zeitleiste hin und her springen. Da müsst ihr nun durch. Oder ihr schaut euch nur die Bilder an – das ist auch ganz legitim.

abalone_004Angefangen hat alles mit einem Solitär. Wer an dieser Stelle an ein Windows-Kartenspiel denkt, denkt zunächst einmal genau wie ich – liegt aber völlig falsch. Dieses heißt nämlich eigentlich Klondike (was zurecht völlig bescheuert klingt) und ist deutlich jünger als jenes Solitär, von dem hier die Rede ist. Das geht nämlich zurück bis ins 17. Jahrhundert. Am Hof von Ludwig XIV soll dieses Ein-Mann-Brettspiel erstmalig gespielt worden sein.

Mit der Herstellung eines Solitär unter fachmännischer Anleitung und Gebrauch von professionellen Hilfsmitteln, begann auch die Geschichte dieses abalone-Brettes. Denn mein Mann, deutlich gebildeter als ich, wusste natürlich, dass Solitär nicht in erster Linie ein Zeitvertreib während der Arbeit des Informatik-Unterrichts ist, sondern eben ein Brettspiel. Allerdings nicht, wie in meiner Variante, mit Löchern und Stäben, sondern mit Kugeln.

abalone_003„Kugeln“ wird später ein Stichwort sein, vorerst aber ein weiterer Handlungsstrang. Auf die regelmäßige Frage meiner Mutter, was ich denn diese Woche unter fachmännischer Anleitung und Gebrauch von professionellen Hilfsmitteln (muss mehrfach erwähnt werden, wird nämlich bald wichtig) gebastelt habe, antwortete ich wahrheitsgemäß „ein Solitär“. Nachdem wir geklärt hatten, dass es sich nicht um ein Windows-Kartenspiel handelt, sondern um ein Brettspiel, erwähnte meine Mutter, dass einer der Brüder der Frau meines Bruders ein Tac-Spielbrett selber hergestellt hat. Sicher unter Verwendung professioneller Hilfsmittel, so bekloppt wie ich kann unmöglich ein Zweiter sein. Ein Tac-Spielbrett. „Schon eine ziemlich geile Sache“, dachte ich mir so. Zumal Tac ein wirklich cooles Spiel ist. Aber zwangsläufig irgendwie ziemlich groß und damit ziemlich aufwändig. Denn was für Lektürevorlieben gilt, gilt auch für Produktionen: ich möchte schnell Ergebnisse sehen und alsbald auch wieder fertig werden (kann man sich ja wünschen, nä?).

Lieber eine Nummer kleiner anfangen. Nur womit? Ein Solitär hatte ich bereits ausgeschlossen. Zum Glück gibt es die Google Bildersuche, welche ich schlicht mit „Brettspiel+Kugeln“ bemühte. Tatsächlich ergab das wenig sinnvolle Ergebnisse, bis auf eben jenes, nämlich abalone. „abalone“ – ja cool, das kenne ich (von meinem Bruder und seiner Frau – um wieder einen Bogen zu schließen). Außerdem brauche ich dafür nur 61 Löcher, nicht 80 wie bei Tac. Das kam mir dann durchaus überschaubar vor.

abalone_002Einige Wochen zuvor stolperte ich bei Pinterest über sogenannte Stringart-Bilder. Nennt man das auf Deutsch Faden-Kunst? Klingt irgendwie seltsam. Auf jeden Fall geht es dabei um das Gestalten von Motiven auf Holz mittels Nägeln und darum gewickelten Faden. „Duffte Idee“ dachte ich damals und kaufte ein dunkelbraunes Brett und Nägel. Dieses Brett fuhr dann eine ganze Weile im Auto spazieren, denn die zündende Idee, welches Motiv ich da nun eigentlich nageln und wickeln will, ist bis heute noch nicht da.

Dafür hatte ich, als ich total spontan auf die Idee kam ein abalone Spielbrett herzustellen, schon ein Stück Holz im Kofferraum. Super Sache. Fix mit professionellen Hilfsmitteln am PC eine Vorlage erstellt, ausgedruckt und abgepaust. Parallel dazu die Fachfrau meines Vertrauens gefragt, mit welchem professionellen Hilfsmittel ich denn so halbrunde Löcher in das Brett kriege, damit später Kugeln reinpassen. Ich hatte irgendwie gehofft, sie würde mir sagen „Ja, da gibt es so einen Aufsatz für die Bohrmaschine“, aber nein, sie wog den Kopf kurz hin und her und meinte dann „Das geht nur mit einer Fräse.“. Entgegen dem Klischee einer Frau bin ich ja durchaus im Besitz von so einigen professionellen Hilfsmitteln für die Heimwerkerei. Eine Schlagbohrmaschine, ein Bohrhammer, diverse Handsägen und eine Stichsäge. Aber eine Fräse? Hab ich nicht. Und verdammt – ich hab auch immer noch keinen Dremel! Und keinen Werkzeugkoffer, obwohl der schon ganz oft auf dem Wunschzettel für den Weihnachtsmann stand. Der Weihnachtsmann hält scheinbar nicht viel von heimwerkenden Frauen. Das sind Zustände hier – furchtbar.

abalone_006Nun war ich wirklich nicht bereit für diese erste Schnappsidee dieses erste Holzprojekt eine Fräse zu kaufen. Wobei das ja nicht ganz der Wahrheit entspricht. Mein erstes Holzprojekt ist das nun nicht, aber bislang bin ich mit „Geradeaus-Sägen“ gut hingekommen. Also habe ich gegoogelt, es durfte und konnte und sollte einfach nicht sein, dass es nichts zweckmäßiges gibt, was ich in eine Bohrmaschine einspannen kann. Und tatsächlich, da gibt es etwas. Das ist zwar, glaube ich, für Oberfräsen gemacht, aber in eine Bohrmaschine gehts auch. Super Sache.

Wieder daheim angekommen, testete ich an einem Stück Holz, außerhalb der abgepausten Vorlage, den wunderbaren Fräser aus und lernte, dass Vorbohren eine gute Idee ist. Kein Problem – ich hab ja eine Bohrmaschine. Nur, und das war mir wirklich nicht bewusst, habe ich scheinbar noch nie Löcher in Holz gebohrt. In Gipskarton, in Beton und Stahlbeton – aber nicht in Holz. Und wer glaubt, dass ein Bohrer, der durch Stahlbeton kommt, auch Löcher in Holz bohrt, der irrt. Also – zurück in den Baumarkt und die ersten Holzbohrer meines Bastlerlebens erstanden.

abalone_010Nun konnte es aber endlich mal losgehen! Löcher fleissig vorgebohrt, so wie sich das für professionelles Arbeiten gehört, und dann munter losgefräst-bohrt. Und festgestellt: so ein Scheissbrett! Das ist nämlich so: das wunderschöne dunkelbraune Brett für 6,99 EUR vom Baumarkt-Grabbeltisch, ist ein sogenanntes Leimbrett. Bei einem Leimbrett werden (und nein, das habe ich jetzt nicht gegoogelt, das behaupte ich jetzt voller Selbstvertrauen) verschiedene Hölzer zusammen geleimt und in diesem Fall auch noch hübsch dunkel lasiert. Dabei werden scheinbar mitnichten gleichartige Hölzer miteinander verbunden, sondern auch in ihrer Beschaffenheit völlig unterschiedliche! Das führt wiederrum dazu, dass sich ein paar Fräsbohrlöcher wunderbar einfach fräs-bohren ließen, andere wiederrum so gut wie gar nicht. Außerdem bestätigte sich mal wieder, dass Design und Funktionalität mitnichten Hand in Hand gehen. So wählte ich für die Platzierung meiner Vorlage eine Stelle im Brett, in der ein wunderschönes Astloch zu erkennen war. Blöde Idee. Hat mich aber an dieser Stelle noch überhaupt nicht aufgeregt. Ehrlich nicht.

abalone_008Schwierig wurde es dann erst als mich das Gefühl beschlich, dass ich irgendetwas Wesentliches in meiner Planung vergessen hatte. Mal abgesehen von den professionellen Hilfsmitteln. Ich bemühte also erneut die Google Bildersuche mit dem Stichwort abalone. Das Ergebnis war zu tiefst verwirrend. Denn heraus kamen hunderte Seiten mit Fotos von einer wilden Kreuzung aus Muscheln und Schnecken. Bildungsgoogeln: Abalone ist ein anderer Name für sogenannte Seeohren. Diese Schnecken leben im Wasser (und haben übrigens KEINE Ohren!) und wer glaubte, dass der Zeitsprung zu Luis XIV noch nicht weit genug hergeholt war, dem sei gesagt, dass es diese Schnecken schon im Maastrichtium gab, einem Subzeitalter der Kreidezeit. Das wiederrum wirft die Frage auf, wie jemand auf die Idee kam das Brettspiel nach einer Schnecke zu benennen, denn die naheliegenste Antwort: „Hat halt die Form“, ist scheinbar bzw. offensichtlich nicht die richtige Antwort.

abalone_009Zumindest brachte mich Google mit „abalone+Spielbrett“ dann doch noch etwas weiter. Was ich übersehen hatte war, dass diese nun nahezu formvollendeten Löcher mittels Nuten miteinander verbunden sind. Diese Nuten sind nicht etwa nur Zierde, sondern sie verfolgen auch einem sinnhaften Zweck, nämlich jenem, dass die Kugelreihen mit dem Ziele der Besiegung des Gegners, verschoben werden können. Und schon wieder war ich beim Fräsen, denn mir wollte beim besten Willen nicht einfallen, wie ich diese Nuten mit zweckentfremdeten Hilfsmitteln herstellen kann. Es folgten Stunden des mehr oder weniger hochmotivierten Googelns nach finanziell erschwinglichen Lösungen mittels Fräse (Oberfräse) oder wenigstens einem Dremel. Unbefriedigt machte ich dann doch erst mal weiter mit den Löchern. Denn diese hatten, aufgrund einer sich mir nicht erschließenden Konstruktion des Fräsaufsatzes für die Bohrmaschine, in der Mitte einen Knubbel. Das geht so natürlich nicht, der Knubbel muss weg.

abalone_011Kurz überlegt und dann ist mir eingefallen, dass ich irgendwann, es müsste so ein oder zwei Jahre her sein, Linolbesteck erwarb zum Zwecke der Druckvorlagenherstellung. Ein Hobby, welches nur kurz währte und seitdem ein, wenigstens aufgeräumtes, Dasein im Inneren einer weißen IKEA-Pappschachtel (gibt es eigentlich überhaupt noch einen Haushalt, ohne diese Pappschachteln?) fristet.

Mit diesem Linolbesteck befreite ich die Löcher also von ihren Knubbeln und … rutschte ab. Und hey! Ich hatte ausversehen eine Nut geschaffen. Dolled Ding! Frohen Mutes schnitzte ich also weiter mit dem Linolbesteck die Nuten, anfangs auch sehr erfolgreich, denn immer in Richtung der Fasern. Oder heißt das bei Holz dann „in Richtung der Maserung“?

abalone_013Doch bald sollte ich wieder Opfer der undurchdachten Brettwahl werden, denn Schnitzen gegen die Maserung oder im 45° Winkel dazu war schier unmöglich. Es splitterte und brach und sah schlichtweg einfach scheiße aus. Da mir aber keine finanziell erschwingliche Alternative dazu einfiel, zog ich es gnadenlos durch. Gedanklich war ich aber schon längst bei „kann man ja auch wegschmeißen“.

Wer bis hierhin gelesen hat, kann mich des Faselns bezichtigen und das misbräuchliche Verwenden von Handwerksmaterial anprangern. Gern gelesen und gehört sind auch Vorträge über Arbeitssicherheit, denn während ich nur zu gern wahrheitsgemäß behaupten würde, ich würde in einem Hobbykeller an einer Werkbank mit professionellen Hilfsmitteln und Schutzbekleidung arbeiten, sieht es tatsächlich so aus: mein Hobbykeller ist ein drei Quadratmeter großer Balkon, meine Werkbank ist ein Tritthocker vom Möbelschweden und Schutzbekleidung ist schlicht nicht vorhanden. Dafür eine große Portion Mut und Dummheit. Und ein bisschen Irrsinn, was Folgendes sicher hinreichend belegt:

abalone_014Ich bin in Besitz eines Pediküresets. Seit etwa drei Jahren schon. Erworben auf einer Aktionsfläche eines Drogeriemarktes, betrieben mit zwei AAA Batterien. Dieses Pediküreset, ursprünglich tatsächlich dazu gedacht die Füße zu verschönern, dient seit geraumer Zeit als Dremelersatz. Zumindest stelle ich mir vor, dass man soetwas mit einem Dremel macht. Und wann immer bei meinen Betonexperimenten etwas nicht formvollendet war, wurde es mit eben jenem Pediküreset zurecht geschliffen. Dabei erstaunt mich – bis heute – dass es das Schleifen von Beton ohne merkbare Abnutzungserscheinung übersteht. Was wiederrum die Gedanken schweifen lässt zu der Frage, auf was für Fußnägel dieses Set bitte ausgelegt ist. Stirnrunzeln.

Auch wenn ein Stahlbetonbohrer nicht für Holzarbeiten geeignet ist, so hielt ich es doch für nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein Stahlbetonfußnagel-Pediküreset für Holz geeignet sein kann. Damit wollte ich dann also den ausgerissenen und ausgefransten Nuten den Feinschliff verpassen. Hat tatsächlich auch halbwegs gut funktioniert, aber der kleine Perfektionist in mir war nicht zufrieden gestellt.

abalone_015Letzter Zeitsprung: 2006 begann ich zu studieren. Wie es sich damals für einen ordentlichen Studenten gehörte, fuhr man ein möglichst altes Auto, bis es wirklich nicht mehr fahren wollte. Neben kleineren und größeren Reparaturen im Laufe der Jahre und im Werte von mindestens einem neuen gebrauchtem Auto, war ein erstes Anzeichen des entweichenden Lebenshauchs die Entwicklung eines Eigenlebens des Autoradios. Genauer gesagt: des CD-Players. Selbstbewusst wie ich bin, sah ich darin kein größeres Problem und kaufte ein neues Radio samt Blende, denn in einem Ford Focus findet man mitnichten genormte Maße. Alles war super durchdacht bis auf Eines: das neue Radio war zu lang für den Schacht. Irgendwo ganz hinten war eine Plastikquerstrebe. Unter Überschätzung des eigenen handwerklichen Könnens fuhr ich in einen Baumarkt und kaufte eine Feile. Wäre doch gelacht, wenn ich etwas Nicht-Passendes, nicht passend machen könnte. Ende vom Lied: gepasst hats nicht und zwei Monate später haben wir uns ein neues Auto gekauft. Aber so kam ich in den Besitz meiner ersten Feile.

abalone_016Weiß Gott warum, diese Episode aus meiner Studentenzeit kam mir gestern in den Sinn. Und damit war klar: ich brauche eine Feile, denn die von damals gibt es zwar noch, ist aber viel zu groß und überhaupt nicht schön halbrund, so wie ich mir die Nuten vorstelle.

Ich hatte ja so meine Zweifel, dass eine Feile im Gegensatz zu dem äußerst professionell verwendeten Pediküreset den gewünschten Erfolg bringen wird. Aber – Trommelwirbel – tatsächlich hat das Spielbrett dank der Feile nun ein Aussehen erreicht, welches ich ohne Scham online präsentieren kann. Ich hätte auch so Fotos davon online gestellt, aber zweifelsfrei mit Scham. So eben ohne.

abalone_017Wer bis hierhin gelesen hat: RESPEKT! Aber wirklich. Derjenige weiß dann jetzt auch, warum in meinen Texten immer mal wieder Flüchtigkeitsfehler, Tipfehler bzw. richtige Fehler sind. Ich kann Texte, die ewig nicht zum Punkt kommen, nicht leiden. Und deswegen lese ich sie nicht. Und schon gar nicht ein zweites Mal.

 

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